Geistlicher Input von Stefan Schnabel für die SMD Mannheim - Wochenmail.

Andacht – der Segenskampf von Jakob am Jabbok

Posted on Posted in FSS 2017

Flucht nach vorne

Jakob ist ein getriebener Mann. Seine Flucht verschuldet hat er der Durchsetzung seines eigenen Willens. Jetzt muss er in das Land seiner Väter zurückkehren – eigentlich seinem Erbe. Dort wartet auf ihn – schon lange – sein unversöhnlicher Bruder, Esau. Jakob stand vor dem Fluss Jabbok. Wie eine Grenze markiert diese natürliche Barriere seine Vergangenheit (diesseits des Flusses) und seine Zukunft, in der er ankommen will. Er hat hatte inzwischen – in einer Nacht & Nebelaktion – alles, was er besaß inklusive Frauen und Kinder, an einer flachen Stelle vorweggeschickt. Nur er blieb zurück. Jetzt war er dran, denn Fluss Jabbok zu durchschreiten. Er selbst, ganz persönlich und ganz alleine.

Geistlicher Input von Stefan Schnabel für die SMD Mannheim - Wochenmail.

 

Versperrter Weg

Ab hier wird es ziemlich grusselig, geheimnisvoll und auch mysteriös. Denn als Jakob den Jabbok überqueren will, „da trat ihm ein Mann entgegen und rang mit ihm bis zum Morgengrauen“, 1. Mose 32, 25b. Liest man den gesamten Abschnitt, merkt man, gleichgültig welche Übersetzung man nutzt, dass es nicht einfach ein Mann war, mit dem er kämpfte. Da steckte mehr dahinter. Vielleicht war es ein Engel, ein Bote Gottes, Gott selbst (!) in menschlicher Gestalt – vielleicht also Jesus Christus? Irgendwie ist die Natur dieses Mannes unklar. Er ist wie eine Variable, Mr. B, ein göttlicher Gegner.

Wie wir noch sehen werden, wird dieser Ringkampf zum äußeren Zeichen der Suche von Jakob, ein gefallener Mensch, um Rechtfertigung. Das ist gar nicht so weit hergeholt, den im Nahen Osten wurden Rechtsfälle manchmal durch eine Probe/ ein Gottesurteil (vgl. 4, Mo 5, 11-31) entschieden. Eine Art davon war der Ringkampf, so fremd uns das erscheinen mag. Und Jakob kommt sehr schuldbeladen und gebrochen dort an, wo sich seine Vergangenheit und seine Zukunft treffen. Jetzt muss er mit einem „göttlichen Gegner“ kämpfen, ringen und dieser Kampf hält an, bis zur Morgenröte. Denn plötzlich stand da Mr. B. – ein Fremder: Jakob fragte sogar nach seinen Namen (er konnte ja nichts sehen; es war immerhin Nacht; maximal Morgenrot). Aber der Mann, der plötzlich in seinem Weg stand, wich ihm rhetorisch aus. Er bleibt uns fremd.

Lass mich ziehen; ich lass dich nicht los

Mr. B. setzte Jakob mächtig zu. Jakob kam keinen Schritt weiter. Aber der Fremde kam seinem Ziel, was immer das auch war, scheinbar ebenso wenig näher. Das merkte dieser, als die Morgenröte schon aufstieg. Aber anstatt Jakob einfach loszulassen, setzte er einen harten Schlag auf Jakobs Hüftgelenk, sodass es ausrenkte. Das müssen Schmerzen gewesen sein, die Jakob zu Kopf stiegen. Anhaltende, dauerhafte Schmerzen. „Lass mich los“, schrie dann der Fremde dem verletzten Jakob ins Ohr. Doch Jakob erwiderte: „Ich lasse dich nicht los, es sei denn, du hast mich vorher gesegnet“.

Schon merkwürdig: Warum wollte Jakob den Segen dieses ihm weiterhin fremden Gegners, der sich plötzlich in seinen Weg stellt und dessen Motive er nicht einmal kannte. Jakob muss also etwas bemerkt haben. Vielleicht ahnte er, dass das nicht einfach ein Mann war, gegen den er antreten musste. Vielleicht merkte er, dass dieser Gegner etwas Göttliches innehatte – dass er vielleicht ein Engel, ein göttlicher Bote war, vielleicht sogar Gott selbst. Das Jakob dies ahnte, liegt nahe, denn entschlossen sagt er, dass er ihn erst dann loslassen wird, wenn er seinen Segen erhalten hat.

Schließlich sagte ihm der Fremde am Ende des Kampfes den Segen zu: „Nicht mehr Jakob soll dein Name heißen, sondern Israel; denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und hast sie überwältigt“.

Gezeichneter Sieger

Jakob geht siegreich aus dem Zweikampf hervor, aber auch nachhaltig verletzt. Hinzu kommt noch die Erinnerung an diese Nacht, denn „bis zum heutigen Tag essen die Leute von Israel, wenn sie Tiere schlachten, den Muskel über dem Hüftgelenk nicht, weil Jakob auf diese Stelle geschlagen wurde“, 1. Mose 32, 33. Er geht als humpelnder Sieger aus dem Ringen mit diesem Mann, der ein Engel, ein göttlicher Bote oder gar Gott selbst war, hervor. Das war nur möglich, da der göttliche Gegner Jakob die Kraft verlieh, überhaupt mit ihm zu ringen. Der Gegner war es, der sich Jakob in den Weg stellte. Gott war hier mit Jakob gnädig, errettend und erwählend zugleich.

Dein Zweikampf mit Gott

Ist dir so etwas schon einmal widerfahren? Hattest du schon einmal eine derart geistige Auseinandersetzung – zwischen dir und Gott, dass man es äußerlich nur als einen verbissenen Kampf in der Nacht beschreiben könnte? Du schüttelst den Kopf; ich nicht. Mich hat dieses Ringen an einen Kampf erinnert, denn ich ganz persönlich kämpfen musste. Setz mal für Mr. B. die Bibel ein. Sie wirkt so menschlich, so greifbar. Ich muss mit ihr ringen. In ihr kommen lauter Menschen zu Wort: Mose, Paulus, Jesaja, Petrus, Johannes und Markus oder Autoren, die uns sogar unbekannt sind. Während ich mit ihren Texten ringe, rieche ich ihre Persönlichkeit geradezu wie Jakob den Schweiß seines Gegners im stundenlangen Zweikampf. Und meine Kämpfe führ(t)e ich auch oft in der Nacht meiner Seele aus; ganz persönlich. Alleine bleibe ich zurück; nur ich und Gott (der sich mir in der Bibel offenbart). Ich will rüber: Mit allen was ich habe und bin; wie Jakob. Letztlich will ich selbst rüber – ich als Person zu Jesus.

Mr. B. und die Bibel

Doch da steht dann bei mir Mr. B, die Bibel. So menschlich greifbar sie ist, so spüre ich doch – ebenso wie Jakob – dass ich es nicht bloß mit Menschenhand und -Kraft zu tun habe. Da ist mehr! Da ist Gott selbst am Werk gewesen und nicht nur er als „Objekt“ in den Geschichten, die über Erfahrungen „mit ihm“ erzählen. Da ist sogar so viel mehr, dass „es“ Autorität hat, zu segnen. Mir fällt dazu immer wieder die Stelle aus Jesaja ein: „Genauso ist mein Wort: Es bleibt nicht ohne Wirkung, sondern erreicht, was ich will, und führt das aus, was ich ihm aufgetragen habe“, Jesaja 55, 11. Und so lasse ich ebenfalls nicht los, es sei denn, Du Herr (und damit meine ich den Gott der Bibel und nicht sein Wort, die Bibel) segnest mich. Das denke ich manchmal auch, wenn ich mit Bibelversen und -abschnitten ringe, die mich in ihrer Härte und Schärfe, ihrer radikalen Sprache und ihrer eindringlichen Wirkung und unerschrockenen Darstellung aufheulen lassen.

Lebenslang gezeichnet

Obgleich Jakob der Sieger sein wird, wird er sein Leben lang Schmerzen haben, wenn er auftritt. Seine Potenz ist beeinträchtigt (was ohnehin mit der verletzten Hüfte gemeint ist). Die wird ihn stets daran erinnern, dass er diesen Weg passieren musste, bevor er an sein Ziel und an den Segen kam. Auch mein Weg zu Jesus und zu einer gewissen Gotteserkenntnis führte über die Bibel, meinem persönlichen Mr. B. Das war kein Sparziergang, sondern mit viel Ringen verbunden.

Mehr noch: Schon damals, nach diesem intensiven Kampf, musste ich feststellen: ich hinke auch! Und ich habe nachhaltige Schmerzen, die ich immer wieder spüre und zu spüren bekomme. Meine Verletzungen kann man dabei als solche beschreiben, dass ich heute weiß, dass ich nach einem schmerzhaften Erkenntnisprozesse inzwischen auch Positionen vertrete, für die ich mich einst vor dieser Auseinandersetzung ausgelacht hätte. Denn diese Positionen in meinen damaligen, sehr liberal geprägten Augen waren einfach nur evangelikal. Diese zutreffende Einordnung genügt schon, und sie genügt heute vielen Menschen (inkl. vieler Christen), um mich & was ich in einigen Punkten (Gemeindezucht, Homosexualität, Frauenordination, Stellung der Bibel, Scheidung, Wiederheirat Geschiedener…) denke und an Anfragen stelle, vollends abzuschreiben und als naiv, dümmlich, uniformiert abzustempeln. Wie Jakob seine Hüfte bei jedem Schritt spürt, spüre ich den Schmerz, jedes Mal, wenn ich mit diesen Positionen auftrete oder – oftmals – herausgefordert bin, einen Standpunkt zu beziehen, der außerhalb der Komfortzone/ Schonhaltung liegt.

Wenn Du auf die Bibel triffst, denkst du vielleicht auch oft, du triffst auf Menschen bzw. deren Worte und Meinungen. Ich durfte erkennen, dass dies final nicht so stimmt. Wenn du mit der Bibel ringst, ringst du nicht mit irgendwelchen regional-religiösen Texte, wie mir es ein ev. Theologe letzte Woche erklären wollte… du ringst mit einem göttlichen Gegner. Du ringst mit dem Wort Gottes selbst. Kämpf nur! Ob in der Nacht und auch noch alleine: Kämpfe, gib nicht auf und erwarte den Segen; such ihn. ER wird ihn Dir geben. Ich durfte dies erleben und – wie oft oder heftig ich darunter auch leiden müsste – ich will ihn nie wieder vermissen. Wenn Du als verletzter Sieger aus dieser Schlacht hervorgehst, breche nicht weg! Erinnere dich an Jakob und all deine Mitchristen: Sie mussten irgendwan einmal alle ihren persönlichen Jabbok überqueren und sie gehen alle freudig und humpelt ihren Weg. Und gewiss auch mit einem Stück Demut im Gang.

Mannheim, 31. Mai 2017 Eurer Stefan Schnabel